Soundscapes
Transformation und Reflektion der Ritual-Architekturen
Im Rahmen der Dornbracht Culture Projects erscheint die erste Sammlung von Raumklängen
zur Ritual-Architektur im Bad. Die Soundscapes reflektieren das Verhältnis von Raum,
Materialität und Bewegung innerhalb der Ritual Architekturen MEM, TARA LOGIC und
ELEMENTAL SPA.
Die Reihe wurde erstmalig im Rahmen eines Sound Spa
vorgestellt, in den Räumen der für die Culture Projects verantwortlichen Factory
von Meiré und Meiré. Gemeinsam mit den Ritual-Architekturen sind die Klangwelten
im Rahmen der Internationalen Möbelmesse in Köln erfahrbar.
Ausgehend von den jeweils unterschiedlichen räumlichen Ausgangspunkten, mit denen
die Ritual-Architekturen dazu einladen, Reinigung als umfassenden Prozess zu begreifen,
initiierte und kuratierte Mike Meiré eine Serie von korrespondierenden Klangwelten.
Ein Seitenblick zu Innenarchitektur taucht in der Musikgeschichte erstmals Anfang
des 20. Jahrhunderts auf: Der Komponist Eric Satie fasst eine Reihe von sehr langsamen
Klavierstücken aufgrund ihrer minimalen Dynamik und reduzierten Komplexität als
„musiques d’ameublement" zusammen. „Der Gedanke, Musik als ein Element des Raumes
zu verwenden, ist aber auch stark vonBrian Eno inspiriert. Über einen langen Zeitraum
hinweg hat er daran gearbeitet, Musik nicht nur als sprachähnliche, artifizielle
Ausdrucksweise zu begreifen, die sich in der Zeit vollzieht, sondern auch in ihrer
Fähigkeit, Bilder zu malen, Räumlichkeit zu erzeugen, und damit im Sinne einer Skulptur
oder auch vergleichbar mit einem Parfum zu wirken, das bestimmte nonverbale Eindrücke
hervorbringen kann“, so Mike Meiré.
Musik und Klang können der Sinnlichkeit eines Raumes gegenüber gleichgültig sein
oder dieser zuwiderlaufen, ihren eigenen Raum bilden. Klang zeitigt für das Bewußtsein
und die persönliche Wahrnehmung schnellere und tiefere Wirkung als visuelle Codes
oder verbale Kommunikation. Musik geht sofort ins Nervensystem. Sie dringt buchstäblich
in die letzten Ecken und Schichten vor, sowohl psychisch als auch physisch. Diese
physische Komponente in ihrer schieren Gewalt wurde ihm Rahmen der Culture Projects
bei Performance 2 erfahrbar. In der Halle des ehemaligen Berliner Postfuhramts überzieht
der Schlagzeuger Dave Nuss den Raum mit einem Klanggewitter, das durchaus als reinigend
begriffen werden kann: Am Ende der Performance steht für ihn im Zuge der totalen
Erschöpfung die Auflösung des Alltagsverstandes als kontrollierender Instanz. Verbunden
durch ein Meer aus Schallwellen nimmt das Publikum an diesem Prozess teil.
So lässt sich der Aspekt des Waschens direkt in die Sphäre der Musik übertragen,
wie sich überhaupt die Metaphern des Akustischen oft dem Wortfeld des Wassers nähern:
Das freiwillige Eintauchen in laute und dynamische Musik kann eine wilkommene Gegenmaßnahme
zu der Tatsache sein, dass der moderne Mensch heute unzähligen Umweltgeräuschen,
Signalen und akustischen Kommunikationsangeboten ausgesetzt ist. Gerade in der Stille
können Gedanken und Eindrücke des Alltags in der menschlichen Psyche gewissermaßen
nachhallen. Unabhängig von der Lautstärke kann dann die Fokussierung auf Klänge,
sofern diese nicht bedeutungsvoll entschlüsselt werden wollen, zu einer klareren
Haltung gegenüber dem aktuellen Moment führen. Darauf gründet sich die Idee des
Sound Spa, die den Hintergrund bildet für die Vorstellung der Noises for Ritual
Architecture in der Kölner Factory von Meiré und Meiré.
Im Zusammenhang mit einer entsprechenden räumlichen Gestaltung kann sich dieser
Effekt zusätzlich verstärken. Mike Meiré: „Die Ritual-Architekturen haben die Wandlung
von alltäglichen Verhaltensweisen zu Ritualen im Blick. Die Klangkompositionen reflektieren
räumliche und sinnliche Qualitäten im Medium des Akustischen und verstärken so diesen
Transformationsaspekt.“ Die eigene Präsenz wird in einem solchermaßen aufgeladenen
Raum stärker erfahrbar. Die ausgeführten Verhaltensweisen gewinnen subjektiv an
Bedeutung und werden unwillkürlich bewußter.
„Von der Sensorik zur Motorik“, überträgt Carlo Peters dieses Prinzip auf seine
eigene Arbeit, wo die sinnliche Qualität der Raum-Architekturen erst in eine konkrete
singuläre Klangvorstellung übersetzt und dann in kompositorischer Prozessierung
zu einem zeitlichen Ablauf gestaltet wurde.
„Darin liegt eine konzeptuelle Differenz zwischen den ‚Noises for Ritual Architecture‘
und der Idee von Ambient, wie sie Brian Eno beispielsweise in ‚Music For Air ports‘
entwickelt hat. Letztere imaginiert einen ideelen Raum, während Carlo Peters’ Musik
sich an den sehr konkreten Bad Architekturen und Materialwelten orientiert“ ergänzt
Mike Meiré.
Dies lässt sich etwa an „Noise 3 Elemental“ verdeutlichen: Schon die Titel der drei
Stücke benennen in unterschiedlicher Form das chemische Element Kupfer, welches
die Oberflächen im ELEMENTAL SPA dominiert. „Cyprium 10834“ enthält die lateinische
Bezeichnung sowie den Siedepunkt des Stoffes, „Ybergangsmetalle“ ist die altdeutsche
Bezeichnung für die Kupfermetalle im Periodensystem, „Copper Acetate“ schließlich
bezeichnet den Grünspan und spielt so auf die potentielle Wandelbarkeit des Stoffes
an, die Teil des Materialkonzeptes ist.
Die Dreiteilung der Komposition lässt sich auch als Entsprechung zum Durchlaufen
der verschiedenen Stationen der Reinigung verstehen: Am Beginn steht das Eintreten
in die eindrucksvolle Welt von Elemental Spa, die grellen Eindrücke des Alltags
ergeben sich einer tiefen, kraftvollen sonischen Bewegung. Der Mittelteil thematisiert
die Begegnung mit dem Wasser. Das hörende Ohr ist Teil des Körpers auf den dieses
trifft. Aber auch die umgebenden Materialien werden hörbar, Stahl und Kupfer geraten
in Schwingung, scheinen sich um das Ohr zu drehen. In Verbindung mit dem dritten,
sphärischen Abschnitt wird ein transformativer Übergang deutlich: Wird zunächst
die Auseinandersetzung mit dem Unheimlichen, Dunklen in die ganzheitliche Reinigung
eingeschlossen, so kann sich daraufhin die Perspektive öffnen; der räumliche Höreindruck
wird am Ende nurmehr von der Weite eines Kosmos umschlossen.
Zwei weitere Klangwelten liegen vor, die sich dem Aspekt der Bewußtmachung in synästhetischer
Reflektion der Badarchitektur unterschiedlich nähern. In der MEM-Architektur schwindet
die physische Materialität der Armatur und belässt im Vordergrund den Raum. Carlo
Peters’ Komposition greift darin enthaltene geistige Energien auf, lässt auf dem
schwebenden Teppich einer einzigen langsamen Schwingung zahlreiche Naturgeräusche
mit digitalem Knacksen, Rauschen und Wehen korrespondieren. “Noises 1 MEM“ huldigt
den Musen, Musik erscheint eher als Möglichkeit denn als Form. Zurück bleiben Erinnerung,
Ausdehnung und Leichtigkeit.
Die Klanggestaltung für die TARA LOGIC Architektur orientiert sich an den Parametern
Aktivität/Betätigung, Kraft, Bewegung. Hier lässt sich die Musik vielleicht am ehesten
als Soundtrack im engeren Sinne verstehen. Das Frequenzband wird zum Laufband: Nach
einer Aufwärmphase, einem zum Raumlicht in Korrespondenz stehenden Intro („Amber
Glass“), nehmen die Noises langsam Fahrt auf. Analog zur sportlichen Übung im geschlossenen
Raum oder zum beschleunigten Herzschlag basiert „Logic“ auf repetitiven Mustern,
in denen pulsierende Klangfarben eine permanente Frische erzeugen. „Im Grunde ist
es immer kurz vor dem Abheben, dem take-off“, beschreibt Mike Meiré.
Die materielle Edition der CDs, auf denen die „Noises“ erscheinen, geht eine enge
Verbindung mit ihrem Ausgangspunkt, den Ritual-Architekturen ein. Dennoch wird der
Eigenständigkeit der Klangsphäre Rechnung getragen: Das jeweils beiligende Papierposter
zeigt bei MEM eine digitale Collage eines Ausschnittes aus dem Atrium, in dem sich
der Paradiesgarten befindet. Für Elemental wurden an der gleichen Stelle Farbund
Oberflächeneindrücke aus dem „Elemental Spa“ bildlich ineinander gemischt. Auf den
Covern ist jeweils eine Aufsicht auf die verschiedenen Bauteile der Badarchitektur
zu sehen. Überträgt man diese Hinweise auf die Soundscapes, dann lässt sich feststellen:
Das Klangliche bleibt abstrakt und diffus zugleich, fühlbar aber eben nicht völlig
greifbar.
NOISES FOR RITUAL ARCHITECTURE wurde von Mike Meiré initiiert. Die Sound Collagen
des Kölner Komponisten Carlo Peters stellen die Beziehung zwischen Raum, Materialität
und Bewegung in der Ritual-Architektur dar und werden von NEO NOTO, Cologne produziert.
Tobias Ruderer