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Mike Meiré für Dornbracht

"Das 'Energetic Recovery System’ ist eine Brücke, die in eine neue Dimension führt"

Interview mit Mike Meiré von Claudia Neumann

CN: Die Firma Dornbracht beschäftigt sich seit einigen Jahren intensiv mit dem Thema "Badkultur" und nähert sich dem Thema immer auch wieder experimentell, entweder in der Zusammenarbeit mit Designerinnen und Designern oder in der mit Künstlerinnen und Künstlern. Sie selbst haben zahlreiche künstlerische Projekte für Dornbracht kuratiert und sind seit vielen Jahren die betreuende Agentur für Design, Culture and Communication. Nun haben Sie für die Messe "Abitare il Tempo" eine eigene Installation entwickelt. Was ist die Grundidee Ihres Energetic Recovery System (E-R-S)?

MM: Ich habe mich gefragt, ob man nicht das Phänomen einer Waschstraße in eine Art ritualhafte Motorik für eine Wasch-Performance übertragen könnte. Ausgehend von dem Gedanken, dass alles Materie ist, formuliere ich die Überlegung, ob Materie nicht wieder in eine Energie spendende Ebene zurückgeführt werden kann. Es geht darum, dass neben der äußeren Welt auch immer eine innere Welt existiert. Weil es immer diese zwei Seiten gibt, bedarf es eines "re-balancing". Für den Menschen in der Pipeline bedeutet das, dass er die Möglichkeit erhält, sich zu "re-designen". Die Pipeline oder Waschstraße wird damit zu einem Gefährt, das in neue Erlebnis-Dimensionen führt. Es geht um die Frage, welche Ressourcen wir in uns haben. Was steckt in uns drin? Was können wir mobilisieren, um zu neuen Horizonten zu gelangen? Auf diesem Weg brauchen wir Brücken. Vielleicht ist die Pipeline eine solche Brücke oder ein Boot, eine Fähre, die uns zum nächsten Ufer bringt. Es geht insgesamt um den Gedanken des "re-entry", und es beginnt logischerweise mit einer Art "re-start". Das alles spiegelt die Idee oder Philosophie einer transversalen Kulturepoche.

CN: Wie muss man sich das E-R-S vorstellen: Gibt es auf der "Abitare il Tempo" eine Art monumentale Architektur?

MM: Die von mir entwickelte Pipeline besteht aus sechs Phasen. Für die "Abitare il Tempo" wurden zwei Phasen realisiert. Wir haben uns entschieden, ein Modell im größtmöglichen Maßstab von 1 : 6 zu errichten. Die zweite und dritte Phase wurden aber im Maßstab 1 : 1 gebaut, damit man ein Gefühl für die räumliche Dimension bekommt. Zusätzlich wurde aber auch der Film "up there" entwickelt. Dieser Film spiegelt die Innenwelt des Menschen. Er simuliert die Gefühle, die ein Mensch erleben würde, wenn er die Möglichkeit hätte, die ganze Pipeline im Maßstab 1 : 1 zu durchlaufen.

CN: Was erlebt ein Mensch konkret, der sich in das Energetic Recovery System, also in Ihre Pipeline, begibt?

MM: Die Pipeline ist eine kommunikative Performance. Sie gibt dem Menschen die Möglichkeit, sein Bewusstsein zu reinigen, indem er es entleert. Es geht ja um die Frage, wie für diese Komplexität an Welt Energie aufgebaut werden kann, wenn nicht gleichzeitig irgendwo für den notwendigen mentalen Frei-Raum gesorgt wird. Denn Energie entlädt ihre schöpferische Kraft nur in leeren Räumen. Der Körper des Menschen in der Pipeline wird als Gefäß definiert, das dort entschlackt, entleert wird. Hier haben wir den Bezug zur Nacktheit, ein wichtiges Thema im Bad. Der Mensch erlebt eine Reise, bei der Realität neben Virtualität steht. Das kann man nicht mehr von einander trennen. Virtualität ist nichts anderes als eine Als-ob-Realität. Es gibt zum Beispiel ein stroboskopähnlich flackerndes Lichtportal, das die kognitiven, rationalen Denkmuster der Menschen ausblenden will, damit sie das Gefühl, "entleert" zu werden, erleben können.

CN: Die klassische Frage: In welchem Verhältnis stehen für Sie Inhalt und Form?

MM: Für mich besitzt das Projekt eine gewisse Form, eine gewisse Ästhetik, die aber letztendlich nur der Kanalisierung einer ganz bestimmten Form der Energie dient. Mich interessiert die Collage, also weniger das formale Endergebnis, sondern der Prozess, der Weg dorthin. Dieser ist beim Energetic Recovery System sehr assoziativ.

CN: Stammen die Anregungen für die Pipeline eher aus der Welt der Kunst, lassen Sie sich von Entwicklungen und Persönlichkeiten im Designbereich inspirieren, oder haben Sie sich von einer ganz anderen Seite genähert?

MM: Meine Referenzen beziehen sich ganz klar auf die inhaltlichen Aspekte. Ich habe intensiv die Bücher von Jiddu Krischnamurti gelesen und sie anschließend von einem ästhetischen Aspekt aus betrachtet. Von großer Bedeutung waren für mich auch die langjährigen Auseinandersetzungen und tiefen Gespräche mit Gerd Gerken. Er ist in der Lage, die innersten Triebe und Wünsche der Menschen zu erklären. Erst aus dieser gewonnenen Klarheit heraus kann ein Mensch seine ihm gegebenen Talente gezielt einsetzen. Besonders wichtig ist für mich aber auch Jean Piaget. Auf ihn geht ein Thema zurück, das mich besonders interessiert: Mein Rohstoff ist weder Holz noch Stein. Mein Rohstoff das Bewusstsein für Energie. Ich wollte diese Energie an die mentale Ressource des Menschen koppeln und dafür eine Form entwickeln, in der der Mensch seine eigene Energie herauslassen kann und zugleich neue Energie erhält.

CN: Sie kommen ursprünglich aus der Kommunikation. Verstehen Sie sich hier explizit als Designer? Und welche Aufgaben haben Designer heute Ihrer Ansicht nach? Wie ist Ihr Selbstverständnis?

MM: Der Designer ist per Definition ein Gestalter. Damit ist er jemand, der etwas formt. Im Moment müssen wir neue Werte-Bilder, neue Werte gestalten, und dann können wir wieder über Form sprechen. Mir geht es darum, Position zu beziehen. Dazu gehören Fragen wie: Was ist in meinem Leben wichtig? Oder, wo merke ich, dass ich ein Defizit erlebe? So wie z.B. Raymond Loewy in einer Industrieepoche feststellte, dass die Produkte zwar robust, nicht aber schön waren. Er erkannte das Bedürfnis der Menschen nach einer gewissen Sinnlichkeit, woraufhin er sein Windkanal-Design entwickelte. Ich strebe natürlich eine sehr progressive Richtung an. Hier kommt nochmals mein Bezug auf Jean Piaget zum Tragen: Energie braucht Richtung, sonst geht die Energie verloren. Wenn Menschen, die Energie haben, keine Form für sich definieren, d.h. keine Verhaltensform, verlieren sie ihre Energie.

CN: Gegen wen würden Sie sich wiederum abgrenzen wollen?

MM: Jene, die glauben, dass sie eine neue Weltordnung schaffen, indem sie etwas Hermetisches aufbauen - wie beispielsweise der Architekt O. M. Ungers - produzieren in erster Linie Evolution verhindernde Kopfgeburten. Vor deren Willenskraft habe ich bis zu einem gewissen Grad Respekt, aber wer mit zuviel Wille operiert, opfert nur seine Glückseligkeit.

CN: Kommen diese Gedanken nicht aus dem Bereich des New Age?

MM: Nein, damit grenze ich mich ganz klar gegenüber dem New Age ab. New Age bedeutet das Austreten aus dieser Gesellschaft. Ich verstehe mich als Mind-Designer. Es geht um Klarheit und um das holistische Wahrnehmen der Welt. Alles steht mit Allem und Jedem in Beziehung. Letztendlich geht es um Liebe, nicht um billige Klischee-Emotionen. Das ist auch der Grund, warum eine bestimmte Form der Werbung nicht mehr funktioniert. Ich möchte Materie beseelen. Das hat mit New Age nichts zu tun.

CN: Versteht der Besucher der Pipeline diesen komplexen Prozess? Haben Sie nicht Sorge, dass man Ihnen Manipulation vorwirft?

MM: Natürlich gibt es vielfach Ängste, gewisse Tabugrenzen zu übertreten, wenn es um Spirituelles, Religiöses, den Bereich der Seele geht. Und mir geht es ja tatsächlich um die Auflösung des konditionierten Bewusstseins. Aber, hätten Sie Angst davor? Und wenn ja, warum haben Sie Angst davor? Es ist die Angst vor dem Kontrollverlust. Wenn man in die Pipeline geht, muss man sich darüber im Klaren sein, dass man seine Kontrolle aufgibt, um zu neuen Sichtweisen zu gelangen. Wer in die Pipeline geht, löst sich im Mythos der Reinigung auf. Ich bin mir bewusst, dass der Vorwurf kommen wird, diese Maschine betreibe Manipulation, und dass all das, was die Identität eines Menschen eigentlich ausmacht, ihm entzogen wird und ihn handlungsunfähig macht, da ihm seine Selbstkontrolle genommen wird. Dem muss ich entgegensetzen: Das Problem, warum wir uns in permanenten Konflikten befinden, ist ja diese Urangst vor dem Kontrollverlust. Diese Urangst muss durch Urvertrauen ersetzt werden. Wir müssen ein Urvertrauen in das uns Unbekannte entwickeln. Ansonsten wird Veränderung, wird Innovation gar nicht erst möglich.

CN: Inwiefern steht die Pipeline, das E-R-S, mit dem Thema Baden und Badkultur in Verbindung, das ja für Dornbracht sehr wichtig ist?

MM: Beim E-R-S ging es mir nicht darum, einen ästhetischen Entwurf für ein futuristisches Badezimmer zu entwickeln. Es ging eher darum, dass man in einem Badezimmer gewisse Rituale erleben kann, die das Bewusstsein schärfen. Ich wollte meine eigenen Erfahrungen mit einer möglichen Produktebene zusammenführen. Ich versuche immer, diese Verbindung zu schaffen: Ritual, Kultur und Religion. Religionen manifestieren sich in Kultur. Kulturen wachsen aus dem Geist einer Religion. Jede Religion und jede Kultur hat ihre Rituale. Das Bad könnte ein Tempel werden, es ist die eigene Kirche in der Wohnung. Also folgt daraus, dass die Produkte immer stärker Fetisch-Charakter bekommen sollten. Die Küche wurde in den letzten Jahren zum Ort der Kommunikation. Das Bad aber wurde zum Ort der Selbstreflexion. Baden an sich hat ja postembryonale Assoziation, das Sich-Treiben-Lassen. In der Badewanne ist das Wasser das Element, das dich trägt. Das hat etwas Ruhevolles, Weihevolles. Sich-Waschen hat für mich einen rituellen Charakter. Wenn man den Badeprozess bewusst durchlebt, ist es Meditation. Darum geht es meiner Ansicht nach: das Dogma des postmodernen Zeitalters, das "Werden von Kontinuität", umzuwandeln in die "Kontinuität des Werdens". Das Sich-Wiederfinden in endlosen Übergängen, im "flow of life".

CN: Wie passt das zur Gesamtstrategie Ihres Auftraggebers Dornbracht?

MM: Wichtig ist, von der Bekanntheit einer Marke zur Bedeutsamkeit einer Marke zu kommen. Und das schafft man nur, wenn man auch Bewusstseinsprozesse einleitet. Kommunikation per se ist ein Produkt geworden. Was tut ein Unternehmen, das nur alle zwei, drei Jahre ein technologisch neues Produkt auf den Markt bringen kann, sonst noch? Hier spielt die Kommunikation eine wesentliche Rolle, weil sie das Unternehmen in einer evolutionären Schwingung hält.