Interieur als Erfahrung ästhetischer Toleranz

Die Ankunft: DAS PRALLE LEBEN, improvisiert

„Es hat alles mit unserem Improvisationskonzept zu tun. Es ist die Art und Weise, wie das Gehirn funktioniert. Magie entsteht, wenn man diese Funktionsweise entdeckt. Das Gehirn stellt von ganz allein Verbindungen her – das ist Magie. Magie ist aber auch eine Technik. Man muss offen sein in dem Sinne, dass man zulässt, dass die anderen auf einem spielen. Dabei besteht die Gefahr, dass man verletzt wird. Aber wenn man über Magie redet, verliert man sie.“ (Michael Karoli, CAN)

Noch bevor man den Ort sieht, hört man ihn. Es ist der erste Abend der Kölner Möbelmesse im Januar 2007. Leise dringt Folk-Musik durch die Luft. Hat da ein Hahn gekräht? Geruch gesellt sich hinzu: nach frischem Heu, nach dünstendem Mist, nach lebendigen Tieren. Erst danach gelangt der materielle Ort in den Blick – warmes Licht flackert hinter weißer Folie. Dann durchschreitet man die Membran, tritt ein, und hinter der schützenden Zeltwand steht es: ein kleines Haus, eine Art Bretterbude, deren Außenfassade durch ein Patchwork aus Platten unterschiedlichster Materialien gebildet wird. „The Farm Project“ ist eine Oase im urbanen Hinterhof, ein Einbruch aus dem Dorf in die Stadt, ein Modellprojekt neuer ästhetischer Erfahrung – und eine Prüfstelle für aktuelles Designgeschehen.

Dann tritt man ein. Plötzlich pralle Fülle. Auf nur wenigen Quadratmetern drängeln sich Inventar, Tiere, Lebensmittel, flanierende Familien – schlicht: eine ganze Menge Leben. Minimalismus ist hier, in diesem modellhaften Projekt über die Küche, nicht zu Hause. Viel eher eine Art Maximalismus, der Kitsch und Kult bejaht, der die Küche als Ort des Zusammenkommens feiert, der Offenheit zum Prinzip erhebt und dafür die Idee von perfekter Ordnung preisgibt. Kurator Mike Meiré hat die Farm als Archetyp ausinterpretiert und sie als Heimstatt für nostalgische Sehnsucht nach sozialem Miteinander gestaltet. Dunkel steigt die Erinnerung auf: davon, dass gutes Design schon immer aus der präzisen Beobachtung von Nutzungsgewohnheiten entstanden ist, dass die Gestaltung von Dingen und Räumen vor allem der individuellen Gestaltung von Lebensgewohnheiten folgen sollte.

Und weil die Küche in der Sicht von Mike Meiré ein Ort ist, an dem Leibliches und Sinnliches zu Hause sind, ist das Farm Projekt auch ein Resonanzraum für 1000 Assoziationen. Keineswegs ist er ungestaltet, aber doch eher Raum-Objekt- Collage mit Hang zur Improvisation als cooles Designkonzept. Vor allem ein Ort, in dem die Vergangenheit ebenso Platz hat wie die Gegenwart und in dem aus dem ungewöhnlichen Mit- und Nebeneinander ganz neue, zeitgemäße visuelle Codes entstehen. „Ich wollte eine neue Begeisterung für die Vielfalt wecken“, sagt Mike Meiré. Und weiter: „Wie können wir uns von unseren Vorurteilen befreien, zum Beispiel gegenüber vermeintlichem Kitsch oder Profanem?“

Beim Parcours durch den Raum, der die zentralen Stationen einer klassischen Küche abbildet und damit ihren wichtigsten Funktionen folgt, verbinden sich Altes, Neues und Verändertes zu einer eigenwilligen ästhetischen Erfahrung. Durch die neue Sicht auf alte Dinge entsteht eine Art Re-Konditionierung. Im Rahmen der Dornbracht Edges Projekte, die sich der Erprobung neuer Denkmodelle widmen und empirische Feldforschung als Innovationsforschung verstehen, hat Mike Meiré die Frage nach einer kollektiven Abspeicherung von Codes, Sehnsüchten, Erfahrungen und Erinnerungen gestellt – und diese Fragen wiederum nur im Sinne eines Vorschlags beantwortet, nicht als Doktrin: „Alles kann, nichts muss...!“

Station Nr.1:
Der GESCHIRRSCHRANK und der RUHESESSEL – Kultur der Transformation

„Platon hatte zwar Recht, dass Ideen mit Gedächtnis zusammenhängen. Aber die Erinnerung führt nicht zurück zum eigentlichen, dem vergessenen Sinn des Seienden, seinen Wesensformen, der Idee, sondern das Gedächtnis konstruiert Strukturen nur für den momentanen Gebrauch zur Bewahrung von Anschlussfähigkeit.“ (Niklas Luhmann, Die Gesellschaft der Gesellschaft, 1998)

Was man sieht ............. Im hölzernen Vitrinenschrank – einem sogenannten „Stilmöbel“ – herrscht freie Sicht auf das, was darin ist: eine Menge Porzellan mit Mut zum Ornament. Nur der silberne Totenschädel, der in dieses bodenständige Umfeld wie ein Fremdkörper hinein platziert ist, fällt aus dem Rahmen; ein Schmuckstück aus jüngerer Grunge-Vergangenheit. Auf dem Schrank steht eine bizarre Tischleuchte. Ihr Fuß ist aus Teilen eines Hirschgeweihs geformt, und auch der Schirm ist mit Hirschmotiven dekoriert. Vor dem Vitrinenschrank steht ein Sessel, wie man ihn aus zahlreichen amerikanischen Spielfilmen kennt – der prototypische Midwest-Veranda-Sessel. Mike Meiré hat ihn für 10 Euro beim Trödler um die Ecke erstanden und grau lackiert, wobei das Mausgrau hier und da fließend in ein Anthrazit übergeht.

Gedanken ........ Der Totenschädel ist ein Störfaktor im Vitrinenschrank. Oder vielleicht doch nicht, konfrontiert er doch mit seiner eigenen jüngsten Vergangenheit oder zumindest mit einem bekannten kulturellen Code. Darf man darüber lachen? Mike Meiré sagt: „Ich will die Besucher in einer Art Zwischenzone platzieren. Am Ende denken sie vielleicht, ausgehend vom Betrachten des Schädels, dass Vitrinenschrank und Geschirr irgendwie auch modern sind.“ Darum geht es: um Transformation, um eine Kultur der Transformation. Durch Veränderung wird Altes, Verstaubtes wieder zeitgemäß, und überhaupt: Wer definiert, was alt und verstaubt ist?

Station Nr.2:
DER STALL (II) – Der große Traum

„Der Designer ist per se ein Gestalter. Mir geht es darum, Position zu beziehen. Dazu gehören Fragen wie: Was ist in meinem Leben wichtig? Oder: Wo merke ich, dass ich ein Defizit erlebe?“ (Mike Meiré, Interview über E-R-S, 2003)

Was man sieht ........ Wie ein Plattenbau sieht er aus, der zweite Stall, ein Hochhaus für Hasen und Perlhühner, ein urbanes Zitat. Alles findet eng beieinander, über- und untereinander statt: oben das Huhn, unten die Eier.

Gedanken ........... Dass alles, was in der Küche stattfindet, ein endlicher Prozess ist, gerät manchmal in Vergessenheit. Natür- lich, es geht auch um das Schlachten von Tieren, aber auch Pflanzen haben in einer Küche kein langes Leben: Erst werden sie mühe- oder gar liebevoll hochgezogen, dann im Nu gejätet, gekocht oder verfüttert. Der ewige Kreislauf von Fressen und Gefressen werden, das Prozesshafte an diesem Vorgang bekommt im Farm Projekt seine Bühne. Aber der Raum fokussiert auch die andere Seite: die Sehnsucht nach Heimat, nicht nach Design. Beide Pole sind im Farm Projekt repräsentiert: Die Außenhaut, die Hülle, markiert den ersten Pol, das Innere den zweiten. Im Innern der Farm ist es erlaubt, der Sehnsucht zu frönen. Mit der Farm verbinden sich Träume, und zwar die großen – denn kleine Träume, so Mike Meiré, habe man schließlich im Schrebergarten.

Station Nr.3:
DER MOBILE WASCHWAGEN –Kakophonie der Elemente

DIE ZEIT: „Gibt es nicht auch zu viel Design? Und zu viele Produkte?“ Philippe Starck: „Zu viele Produkte, das stimmt, achtzig Prozent der Warenwelt ist überflüssig. (...) Nie war Design so in Mode wie in den letzten zwanzig Jahren, aber nie wurde so wenig Design mit Qualität gezeigt.“ (Interview in DIE ZEIT, 10/2003)

Was man sieht .......... Ein Möbel auf Rollen wurde von Mike Meiré für das Farm Projekt angefertigt. Es handelt sich um eine mobile, funktionale Waschstation. Der weiße Rahmen dafür wurde „gefunden“, beim Trödler. Auf ihn wurde eine Marmorplatte gelegt und darunter zwei Kunststoffcontainer von Muji, erst mit einem orangefarbenen Gurt zusammengebunden – nicht verschraubt, nur improvisiert – und dann im Rahmen befestigt, so dass eine Art Schubladenschrank entstand. Auf der Marmorplatte ist links eine große Holzplatte platziert. Darauf befindet sich eine Arbeitsleuchte, nichts Besonderes, einfach eine praktische Leuchte. Rechts steht eine Keramikschüssel, durch ein eigens in den Boden gebohrtes Loch fließt das Wasser ab. Dieses sprudelt aus einer Armatur, einer gelb lackierten Tara, die durch diesen Kunstgriff in Baumarktästhetik neu erstrahlt. Der Wasserzulauf erfolgt über einen simplen Gartenschlauch. Überraschend: Es funktioniert!

Gedanken .......... Offensichtlich kam die krude Mischung aus einzelnen Gestaltungselementen, aus denen dieses Produkt gemacht ist, nicht unter ästhetischen Gesichtspunkten zustande, wohl aber unter funktionalen. Aber zwangsläufig entsteht so eine neue Ästhetik, eine Kakophonie von Ministilen und Konnotationen, und auch die allgegenwärtigen Gerüche tun ihren Teil dazu. Unwillkürlich wird klar: Auch das Leben ist so. Überall empfängt man die vielfältigsten, heterogenen Eindrücke, und jedes Element für sich hat seine Berechtigung. Warum dann nicht auch das vorurteilsfreie Zusammenfügen von Objekten? In der Regel versuchen Menschen – sowohl die „Nutzer“ als auch die Designer – diese Komplexität zu strukturieren. Dass solche Unterfangen sinnlos sind, machen wiederum die Naturkatastrophen deutlich. Wenn alle Strukturen zerstört werden, alles von unten nach oben und oben nach unten umgewälzt wird, wird spätestens im Chaos klar: Alles hat seine Berechtigung.

Station Nr.4:
DIE GROSSE ARBEITSSTATION (im Zentrum des Raums) Schönheit des Zufalls oder das Leben darf kein Störfaktor im Designkonzept sein

„Sagen wir: es gibt viele Gegenstände. Viele wirken gesucht: Es gibt nicht so viele Ideen, wie es Gegenstände gibt. Vorausgesetzt, man ist sich darin einig, dass das Motiv, einen Gegenstand zu machen, noch keine Idee ausmacht. Das heißt, es gibt mehr Gegenstände als Ideen.“ (Bruno Munari, Far vedere l’aria, 1995)

Was man sieht ...... Auch dieses Möbel wurde eigens für das Farm Projekt gestaltet. Das Zentrum des Raums wird durch eine in den Dimensionen großzügige Werkbank dominiert. Deren Fläche ist zweigeteilt. In der Mitte findet das Thema „Waschen“ statt, gleich daneben befindet sich der „Kräutergarten“. Die Kräuter stehen in einem Edelstahlbehälter, den Mike Meiré einer Frittenbude abgeschwatzt hat, und dass sie direkt neben der Armatur angesiedelt sind, ist logisch und praktisch: So können sie einfach bewässert werden. Auf der rechten Seite ist der Herd angesiedelt, die linke dient als großzügige Ablage. Um die gesamte Werkbank läuft eine Art Reling. An dem Metallrahmen hängen braun-weiß karierte Handtücher sowie einfache Supermarkttüten, die der Müllentsorgung dienen. Unter der Werkbank befindet sich ein Rost, auf dem Kartoffelsäcke, Säcke mit Mohrrüben gelagert werden. Hoch über der Arbeitsstation ist eine handelsübliche, schlichte Holzleiter angebracht, sie schwebt über der Situation. Man kennt diese Situation aus der Metzgerei: An in der Leiter eingehängten Haken baumeln allerlei Dinge, ganze Würste, Schinken, Käse, tote Tiere, gusseiserne und kupferne Töpfe. Unwillkürlich wird man an die Stillleben der flämischen Maler erinnert.

Gedanken ............ Mike Meiré sagt: „Ich möchte wieder ein Gefühl für ‚Natürlichkeit’ erreichen, für das, was einfach, logisch und selbstverständlich ist.“ Weiterhin geht es aber auch um Fund-, um Erbstücke, und um ihren improvisierten Einsatz. Einen Fundus zu haben bedeutet auch Reichtum. Da gibt es den traditionellen, fast kitschigen Tortenständer auf der Ablage, und die Eier werden in einem Körbchen mit Stroh dargeboten: der Gedanke, sich mal eben schnell ein Ei in die Pfanne zu hauen, liegt so einfach näher. Solche Kleinigkeiten, da ist Mike Meiré überzeugt, verändern das Verhalten gegenüber den Dingen.

Diese Küche ist das Gegenteil von dem, was zur Zeit im Küchendesign passiert: möglichst viele Gegenstände hinter möglichst großen Flächen weiträumig wegzuschließen. Beim Nachdenken über das Farm Projekt wurde vielmehr genau hingeschaut, wie Menschen ihre Küchen, wie sie die Dinge darin benutzen. Und so ist dieses Projekt tatsächlich aus der genauen Beobachtung von Nutzungs- und Gebrauchsgewohnheiten entstanden, ein mini-empirisches Projekt sozusagen. Nur hat Mike Meiré diese Beobachtungen eben nicht in Serienprodukte übersetzt, sondern in einen Raum, einen Kontext, in dem sich ein „normales“ Leben entfalten kann, in dem archaische Dinge, bereits bestehende Dinge, wieder Platz finden. Mike Meiré: „Minimalismus in der Küche ist eine Strategie, das Leben außen vor zu lassen. Was in der Küche stattfindet, ist nun einmal strukturiertes Chaos, ein Fest des Lebens. In der Küche bleibt Minimalismus ein intellektuelles Gedankenspiel. Am Ende sehen die neuen Entwürfe zwar gut im Showroom aus, nicht aber zu Hause. In solchen Küchen wird dann schon eine nicht am richtigen Platz stehende Espressotasse zu einem Störfaktor.“

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Station Nr.5:
DAS LAGER – Recycling als ästhetisches Konzept

„Design hat es schon immer gegeben. Beim Betrachten vieler Gegenstände findet man die Idee für ihre Erneuerung.“ (Achille Castiglioni, Designlexikon Italien, 1999)

Was man sieht .......... Das Lager ist ein offenes, einfaches Industrieregal, das über eine enorme Tiefe verfügt. Mitten darin steht ein Aquarium, dieses ist aber nicht mit Goldfischen, sondern mit Karpfen, also mit Nutztieren, bestückt. Mike Meiré hat das Regal mintfarben lackiert und gelbe Tischböcke davor gestellt. Sie dienen als Leiter, um die ansehnliche Höhe des Lagers erklimmen zu können. Im Regal: Weinkisten mit dem Charme nobler Patina, Plastiksäcke mit Pilzen, Kichererbsen, Salz, Ingwer – verpackt wie im Asia-Shop, was ja in gewisser Weise ehrlicher, authentischer ist. Die Litchies in Dosen erinnern an Andy Warhols Campbell-Soup-Akkumulationen: Sie wirken wie Pop-Art, sind aber auch einfach Proviant. Auch Tassen und Töpfe stehen im Lager. In der Küche im Zeichen der Globalisierung bestehen verschiedene Stilelemente nebeneinander her – China-Porzellan trifft auf rustikales Steingut –, und sie verhelfen sich gegenseitig zu ihrem ästhetischen Recht. Kunststoffkörbe in Acid-Farben sind ebenfalls integriert. Im Regal das Versprechen vom urbanen Abenteuer, in dem doch Struktur herrscht.

Gedanken ......... Ist es nicht viel aufregender, die Dinge, die eh in der Welt sind, aufzunehmen, wieder zu verwenden? Und ist dies nicht die etwas aufrichtigere Haltung zum Recycling? Sind die Produkte unserer Vergangenheit nicht so etwas wie Erbstücke, die es wert sind, dass man mit ihnen lebt? Viel wird für die Befriedigung der globalen Märkte produziert. Vieles ist aber auch schon vorhanden. Und auch das Zufallsmoment ist hier gewollt, bewusst wird eine „Baumarktästhetik“ – man geht in den Baumarkt, um Holz zu kaufen, weiß aber nie ganz genau, wie das, was man bekommt, aussehen wird – nicht nur in Kauf genommen, sondern ausdrücklich bejaht. Und noch etwas scheint dieses Lager sagen zu wollen: Hört auf mit dem notorischen Wegräumen, Wegschließen! Sagt ja zum prallen Leben!

Station Nr.6:
DER SPÜLBEREICH –ÄsthetikdesHässlichen

„Wer das Schöne sucht, ist offenbar gut beraten, es nicht sogleich gegen das Perfekte, das jegliches Wohlbefinden ausschließt, einzutauschen. Freilich schafft auch das Imperfekte allein keinen Zugang zur Schönheit, die ja zumeist schlicht mit Harmonie verwechselt wird.“ (Thomas Wagner, FAZ Feuilleton, 04.01.2007)

Was man sieht .......... Die Armatur wurde in einem Umbra lackiert, das nur an Hornhaut erinnern kann. Sie ist bewusst in dieser künstlichen, seltsamen Farbigkeit gestaltet. Mit der speziellen Farbgebung wird ein Industrieprodukt aus Chrom wieder zurückgeholt in diese Country-Welt aus Braun-Beige, die im Farm Projekt vorherrscht, durchbrochen von grellen Akzenten. Daneben liegen auf dem Waschtisch giftgelbe Billigschwämme, pastellfarbige Durchschlagsiebe in müdem Gelb und Blau. Die Spülstation steht gegenüber der großen Werkbank; hier wird vorgewaschen, abgespült, Geschirr dann im eingebauten Geschirrspüler gereinigt. Rechts neben der Spülstation sind zusätzlich noch zwei Becken vertikal übereinander angebracht; sie stammen aus einer Imbissbude. Hier kann man das Geschirr, wenn es sehr verschmutzt oder fettig ist, vorspülen und einweichen, bevor man es in die Geschirrspülmaschine stellt. Neben der Spülstation befindet sich die Seitentür; sie ist offen, allerdings durch einen jener eher aus dem Camping-Wagen bekannten Kettenvorhänge abgetrennt. Mike Meiré ist wieder in den Baumarkt gefahren und hat, gemeinsam mit seiner Frau, diesen Vorhang selbst hergestellt. Die Idee? „From Max Bill to Max Bahr“, sagt Mike Meiré.

Gedanken .......... Ein Wort zu den Farben: Das Revival der Folk-Musik, der Erfolg von Filmen wie „Brokeback Mountain“, die Sehnsucht nach einem wie auch immer gearteten Landhausstil, das alles hat viel mit der Sehnsucht nach einer Art von Einfachheit zu tun. Und damit verbindet sich in der Regel, kollektiv gespeichert, das, was Mike Meiré diese „gewisse Country-Farbigkeit“ nennt. Er meint damit das zitierte Spektrum aus Braun-Beige-Farben. Im Farm Projekt wird dieses Spektrum zwar einerseits bedient – es ergibt sich durch die Integration zahlreicher „alter“ Objekte von selbst –, andererseits aber mit seltsamen, billig wirkenden „Acid-Farben“ oder pastelligen Mischfarben kombiniert, die eigentlich nicht schick sind. Oder schon wieder? Mike Meiré nennt die Mischung „contemporary“. Ein Aspekt dieses Konzepts ist außerdem, dass Geld darin eine kleine Rolle spielt. Der Aufruf lautet schließlich: Geht auf Euren Dachboden! Geht in Euren Keller, schaut, was drin ist und holt alles raus! Googelt Euch etwas zusammen! Geht in Second Hand Läden! Und letztlich: Fangt an, Euer Umfeld zu kuratieren!

Im Gehen:
Von AUSSEN oder zwischen Anton Corbijn und Zirkus Roncalli

Sei geduldig, ruhig und mitfühlend – wissend, dass die Existenz vergänglich ist.“ (Ettore Sottsass, Designboom-Archiv, 2000-2007)

Was man sieht ...... Die Farm steht auf Bohlen, quasi schwebend, und damit ist sie eine Art Bühne. Je nach Blickwinkel entdeckt man 1000 kleine Gemälde, empfängt eine endlose Odyssee von Eindrücken.

Gedanken .............. Von der Kunst von Felix Gonzales Torres über Joseph Beuys, Charles Eames, die Videowelt von Anton Corbijn für Depeche Mode bis zum Zirkus Roncalli: Die „Farm“ ist das alles, sie gewährt weitschweifenden Assoziationen Raum. Mike Meiré: „Die ‚Farm‘ erinnert an die Arche Noah, die Menschen werden befriedigt in ihrer Sehnsucht nach Nostalgie, sie spüren einen Hauch von temporärer Heimat, aber man spürt hier auch, dass die Geschichte hier nach vorn erzählt wird: die Transformation ist wichtig dabei!“ Mit „The Farm Project“ ist ein Raum entstanden, in dem Ästhetik als Begleiterscheinung von Prozessen zustande kommt. Und wer sagt denn, dass Durcheinander nicht viel schöner ist als Ordnung? Alle Gegenstände und Artefakte, die in einer Küche anzutreffen sind, gehören hier auch hin. Insofern ist die Küche eine Werkstatt für die Sinne, ein Ort ästhetischer Toleranz. Kein Wunder, dass jede Party in der Küche aufhört!

Claudia Neumann
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