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„Public Intimacy“ - Dornbracht Conversations 4 in den KW, Berlin

Iserlohn/Berlin

Am 11. Dezember 2012 lud Dornbracht zu Dornbracht Conversations zum Thema „Public Intimacy“ nach Berlin in die Kunst-Werke ein. Die Teilnehmer des diesjährigen Panels, Carolyn Christov-Bakargiev, Susanne Pfeffer und Jeremy Shaw, setzten sich im Gespräch mit Charlotte Klonk über Verlust und Neupositionierung von Privatheit auseinander.

Das Thema lehnt sich an die besondere, intime Ausstellungssituation von ONE ON ONE an, die sich der Wahrnehmung und Kommunikation im Spannungsfeld von Intimität und Öffentlichkeit widmet. Bei den einzeln konzipierten Räumen und ihren Exponaten handelt es sich um Neuproduktionen, die durch die Förderung der Dornbracht Culture Projects realisiert werden konnten.

Seit über 15 Jahren unterstützt das international agierende Familienunternehmen diverse Ausstellungen und Projekte. Mit Dornbracht Conversations – kurz DC genannt – wurde eine Plattform initiiert, die über laufende Entwicklungen von Design, Architektur und Kunst debattiert. Die Teilnehmer des diesjährigen Panels, Carolyn Christov-Bakargiev, Susanne Pfeffer und Jeremy Shaw, setzten sich im Gespräch mit Charlotte Klonk über Verlust und Neupositionierung von Privatheit auseinander.

Den Einstieg fand Charlotte Klonk, indem sie die Begriffe „privat“ und „öffentlich“ soziohistorisch einordnete. Das Oxymoron „Public Intimacy“ verband sie gemäß der aktuellen Perspektive mit dem Internet und sozialen Netzwerken wie Facebook – und der Tatsache, dass Menschen dort intime Details vor einer unkontrollierbaren Öffentlichkeit enthüllen. „In letzter Zeit ist es das Private, das bedroht zu sein scheint“, erklärte Klonk. Es werde heute als zu schützender Freiraum verstanden, der dem Menschen ein Rückzugsrecht einräumt. Früher verband man mit ihm dagegen den Bereich der Hauswirtschaft, was einen feministischen Diskurs über die Frage nach privat und öffentlich auslöste. Erst seit Kurzem werde das Private auch als intimer Raum betrachtet, meinte Klonk. „In diesem Zusammenhang war das Museum von jeher der Ort, an dem beide Kategorien ineinander greifen.“ Alle drei Podiumsteilnehmer, so Klonk, experimentieren mit diesem Thema auf eine neuartige Weise.

„Meine Idee für ONE ON ONE geht zurück auf Jan Hoets Chambres d’amis in Gent“, erklärte Susanne Pfeffer. 1986 habe der belgische Kurator dort Kunstwerke in Privatwohnungen gezeigt, wie es auch die Berlin Biennale 2006 in der Auguststraße tat. „Ich mochte diese Idee von Intimität. Die Kunst wird dabei direkter.“ Doch anstatt die KW zu verlassen, bat Susanne Pfeffer Künstler, Werke zu produzieren, die jeweils nur für einen Betrachter gedacht sind und den unmittelbaren Dialog suchen – und einen Gegensatz bilden zu vielen großen Museen, in denen man sich angesichts der Fülle von Besuchern, Kunstwerken und Räumen verloren fühlt. Charlotte Klonk bestätigte diesen Ansatz und erklärte, dass sie in ONE ON ONE loslassen könne statt sich ständig in kritische Reflexion zu begeben. Eben das war Susanne Pfeffers Absicht, als sie der Frage nachging, was man vor einem Werk körperlich empfindet, wenn man allein mit ihm ist. Andererseits schaffe die Ausstellung allein durch die Warteschlangen, die sich vor den Kabinen bilden, eine kommunikative Ebene.
Auf die Frage, wie er die Idee für Werk in ONE ON ONE gefunden habe, erklärte Jeremy Shaw: „Ich hatte zwei Möglichkeiten – einmal, eine Schönheit der stillen Begegnung zwischen Werk und Betrachter zu schaffen. Oder auszunutzen, dass jemand meiner Arbeit ausgeliefert ist. Ich habe mich für das Letztere entschieden.“ Zudem wollte er mit verschiedenen Versionen seines hypnotisierenden Videos für Verwirrung sorgen, wenn sich die Betrachter darüber austauschen.

Auch auf der documenta gab es Experimente mit Hypnose und Therapiestunden. „Marcos Lutyens hypnotisierte 7000 Menschen in 100 Tagen“, erklärte Carolyn Christov-Bakargiev. Zudem sei es bemerkenswert, dass 150 Prozent mehr Saisontickets verkauft wurden, die Besucher also bewusst mehrmals kamen. „Die Ausstellung war kein Event mehr, sondern eine temporäre Erfahrung, bei der man extra für eine Arbeit kommt und dann wieder abreist.“ Der Betrachter sei damit weniger produktiv und schnell, weniger Konsument. Indem die documenta nicht – wie bei heutigen Ausstellungen üblich – als Ort öffentlicher Politik diente, sondern als Ort der Zusammenarbeit, trafen nicht mehr Privates und Öffentliches aufeinander, sondern Intimität und Kollektivität.

Die documenta-Chefin hinterfragte den Unterschied zwischen privat und öffentlich – diese Divergenz sei ein Problem westlicher Kultur. Sie las deshalb eine Email des libanesischen Performance-Künstlers Rabih Mroué vor, der ausführlich seine Eindrücke vom Besuch des Kasseler Konzentrationslagers Breitenau schildert und abschließend konstatiert: „Künstler zu sein, heißt auch, Teil des Publikums zu sein. Es zu sein und es zugleich nicht zu sein.“ Man könne also die Methoden der Facebook-Ära umkehren, so Christov-Bakargiev: Die Grenze zwischen privat und öffentlich seien ohnehin fließend – wichtig sei allein die Zeit, Konzentration und Hingabe, mit der man sich einer Sache widme.

„Ich glaube, eine der größten Herausforderungen unserer Zeit ist es, das Selbst zu verstehen“, so Christov-Bakargiev weiter. „Die Idee des kollektiven Subjekts ist ein Produkt, das der Kapitalismus verkaufen will. Man will uns klarmachen, dass es keine Subjektivität gibt, sondern dass man immer Teil eines übergeordneten Subjekts ist: Der Designer in Berlin, der Hersteller in Stockholm, der Spediteur sonstwo.“ Sie plädierte für einen Rückgriff auf Kant und dessen Verständnis der Ganzheitlichkeit von Welt, nachdem wir uns in den letzten Jahrzehnten vor allem mit dem Dekonstruktivismus französischer Postmoderne beschäftigt hätten. Charlotte Klonk stimmte der These vom Ende dieser Phase zu: „Es ist schwer vorstellbar, wie sich eine Bedeutung für Öffentlichkeit konstituieren soll, wenn man keinen Sinn für das Selbst hat.“

Ob Ausstellungen nicht grundsätzlich sehr privat seien, war eine der Fragen aus dem Publikum an Susanne Pfeffer – schließlich teile man mit dem Kunstwerk immer Zeit und Raum. „Ja, aber mancher Betrachter heute fragt sich, warum er ein Video in einer Ausstellung sehen soll, wenn es Youtube gibt“, erklärte Pfeffer ihren Untersuchungsansatz. Sie verwies auf Cyprien Gaillards Installation aus Bierkisten The Recovery of Discovery in den KW im Jahr 2011: Das Werk lebte davon, dass es sich über die Dauer der Ausstellung stetig veränderte. Charlotte Klonk war der Meinung, dass Ausstellungen grundsätzlich nicht privat seien. Museen seien von Anfang an dazu dagewesen, ein bestimmtes Publikum zu bilden, wobei sich nun die Frage stellt, inwieweit man seine eigenen Erfahrungen dort überhaupt noch selbst kontrollieren kann. Schließlich gebe es Wandtexte, Wärter und reihenweise andere Besucher. Bei ONE ON ONE sei das anders – man könne sich auf ein Werk ohne Informationsblätter und Massenpublikum einlassen.
Die nächste Frage war, ob es einen Zusammenhang gebe zwischen dem Hype um Ausstellungen und dem Verlust der Privatsphäre im Museum. Christov-Bakargiev schlug einen Exkurs ein über die dialektische und permeable Beziehung zwischen dem Raum der Kunst und dem Raum außerhalb des Museums. Dann verwies sie auf die Entkörperlichung, die man im Werk von Janet Cardiff und Susan Philipsz spürt. Sie entbinde den Betrachter vom Hier und Jetzt, um ihn bei sich selbst zu verorten. Dies entspreche der alten, romantischen Idee, aus der Welt hinausgetragen zu werden hinein in den künstlerischen Raum – und damit in die einzige Realität, die Körper und Geist zusammenbringt. Zugleich verwies sie auf das reaktionäre Potential dieses Gedankens. Ein Rückzug könne ebenso radikal wie konservativ sein.

Weitere Fragen warfen die Dichotomien von Occupy Wallstreet und dem Hauptsitz der Bewegung im Gebäude der Deutschen Bank auf, die modernistische Ausstellungsarchitektur von ONE ON ONE und vor allem die Etymologien der Begriffe „privat“, „intim“ und „öffentlich“, die in der Diskussion sehr austauschbar verwendet wurden, tatsächlich aber stark zu differenzieren sind – zumal es darüber hinaus verschiedene historische und kulturelle Ebenen des Privaten gebe. Das Wort „intim“ wurde dabei als Form von Nähe, als Beziehung zu etwas herausgearbeitet, während „privat“ eher ein ökonomischer Begriff sei.

Insgesamt waren sich die Podiumsteilnehmer einig, dass dem Privaten heute eine größere Beachtung zukommt als dem öffentlichen Raum, wobei beide Sphären immer wieder ineinander greifen. Die Ausstellung ONE ON ONE diente dabei als inspirierender Dreh- und Angelpunkt, an dem sich die Thematik glaubhaft festmachen ließ. Ein finales Fazit konnte angesichts der Komplexität des Themas zwar nicht gezogen werden. Doch die zahlreichen Anregungen, Fragen und Kommentare auch aus dem Publikum demonstrierten den enormen Gesprächsbedarf zu „Public Intimacy“, ein Verweis auf die Aktualität des Themas der Dornbracht Conversations 4.


Weitere Informationen zu Dornbracht und den Dornbracht Produkten sowie den digitalen Pressetext erhalten Sie im Internet unter www.dornbracht.com oder über das Dornbracht Press Office: Meiré und Meiré, Stephanie Eckerskorn/ Nora Niemeier / Andrea Ruppert, Lichtstr. 26-28, 50825 Köln, T. +49(0)221 57770 -416/ -507 / -408, E-Mail: s.eckerskorn@meireundmeire.de / n.niemeier@meireundmeire.de / a.ruppert@meireundmeire.de. Ihr Kontakt bei Dornbracht: Bettina Arzt / Nadine Piepenstock/ Karen Heese-Brenner/ Anke Siebold-Laux, Köbbingser Mühle 6, 58640 Iserlohn, T. +49(0)2371 433-2130 / -2119/ -2118/-143, E-Mail: barzt@dornbracht.de / npiepenstock@dornbracht.de/ kheese-brenner@dornbracht.de/asiebold-laux@dornbracht.de

01_DC4 Dornbracht Conversations 4 mit dem Titel “Public Intimacy” fand am 11. Dezember 2012 in den Kunst-Werken in Berlin statt. Andreas Dornbracht und Susanne Pfeffer (Kuratorin der Ausstellung One On One in den Kunst-Werken) begrüßen die Gäste.
Fotos: Heji Shin
Copyright: Dornbracht
02_DC4 Andreas Dornbracht und Susanne Pfeffer (Kuratorin KW Institute for Contemporary Art in Berlin) auf dem Podium.
Fotos: Heji Shin
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03_DC4 Die Teilnehmer des DC4 Panels (v.l.n.r.): Charlotte Klonk (Moderatorin); Susanne Pfeffer (Kuratorin der Ausstellung One On One in den Kunst-Werken); Carolyn Christov-Bakargiev (Kuratorin, Autorin und künstlerische Direktorin der dOCUMENTA (13); Jeremy Shaw (Künstler).
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04_DC4 Moderatorin Charlotte Klonk(Professorin für Kunstgeschichte an der Humboldt Universität Berlin).
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05_DC4 Podiumsdiskussion zum Thema “Public Intimacy” am 11. Dezember in den Kunst-Werken Berlin.
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06_DC4 Carolyn Christov-Bakargiev (Kuratorin, Autorin und künstlerische Direktorin der dOCUMENTA (13)).
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07_DC4 Podiumsteilnehmerin und Kuratorin Susanne Pfeffer bei den Dornbracht Conversations 4.
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08_DC4 Podiumsteilnehmer Jeremy Shaw, Künstler der Ausstellung One On One.
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09_DC4 Mit den Dornbracht Conversations 4 widmet sich das Unternehmen der Wahrnehmung und Kommunikation im Spannungsfeld von Intimität und Öffentlichkeit. Andreas Dornbracht (Dornbracht Geschäftsführer) vor Ort in Berlin.
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