„Eine Geste der Authentizität“

Gerrit Terstiege im Gespräch mit Mike Meiré über seine neue Installation Global Street Food

Nach „The Farm Project“ ist „Global Street Food“ die aktuelle Installation von Mike Meiré für die Ausstellungsreihe der Dornbracht Edges. Im Gegensatz zu „The Farm Project“ geht es nicht um die private Küche als Bühne des Lebens, sondern um improvisierte, inszenierte Küchen im öffentlichen Raum – auf und an den Straßen.


Gerrit Terstiege: „The Farm Project“ inszenierte scheinbar die Küche als ein Nebeneinander von sehr heterogenen Objekten, als eine wilde Zusammenstellung, die auch Chaos und Zufall zuließ. Mir scheint, dass Ihr neues Projekt diese Ästhetik fortsetzt.

Mike Meiré: Ja, das ist richtig. „The Farm Project“ fungierte als Bühne für die verschiedenen Esskulturen; es ging um die Vielfalt, die Komplexität und auch die Schönheit, die es darin zu entdecken galt. Für mein neues Projekt „Global Street Food“ hat mich das Bild der Straßenküchen mit ihrer DIY (Do-it-yourself)-Ästhetik fasziniert, die es weltweit in den Städten gibt. Die Gesellschaft wird schließlich immer mobiler und damit ändert sich auch unser Umgang mit den Themen Kochen und Essen. Erst kürzlich ist mir das in New York wieder aufgefallen: die vielen Geschäftsleute, die in Nadelstreifen-Anzügen am Hot-Dog-Stand um die Ecke ihr Mittagessen geholt haben. Ich finde es inspirierend, auf verschiedenen Kontinenten nach solchen mobilen Units zu suchen, sie zu dokumentieren und wenn möglich zu erwerben. In Thailand beispielsweise haben wir ein altes Boot gefunden, mit einem Kiosk und einer Garküche an Bord. Auf den Passagen 2009 im Rahmen der internationalen Möbelmesse in Köln kuratiere ich eine Ausstellung mit mehreren solcher Objekte.

G.T: Was genau fasziniert Sie daran?

M.M.: Die Möglichkeit, auf kleinstem Raum eine funktionierende Einheit zu schaffen, die noch dazu mobil ist. Da stellt sich die Frage: Können wir eine komplette Küche auf zwei Quadratmetern bewerkstelligen? Wie müsste sie dann aussehen, wie funktioniert sie? Das Betrachten und Studieren von aus der ganzen Welt zusammengetragenen Exponaten einer Fast-Food-Gesellschaft kann zu neuen und komplexeren Küchen-Lösungen führen. Es geht um das Bewusstsein, was für eine Art Küche man für seine eigenen Lebensgewohnheiten wirklich braucht und wie sie dann konzipiert sein muss. Gerade wenn wir immer effizienter arbeiten müssen und weniger Zeit für ein ausgiebiges Mittagessen oder zum Selber-Kochen haben, aber uns trotzdem gesund ernähren wollen, stellt sich die Frage nach einer komprimierten, sehr funktionalen Küchen-Unit, die auch eine Art „gesundes“ Fast-Food ermöglicht.

G.T: Das erinnert mich an Stefan Wewerkas „Küchenbaum“, der an einer Säule alle notwendigen Einheiten wie Waschbecken, Herdplatten, Ablageflächen und Arbeitsplatten vereint. Es ist ein höchst funktionales Objekt, aber eben nicht mobil. Armaturen brauchen ja gemeinhin auch einen festen Platz im Raum und sind gebunden an ein Zu- und Ableitungssystem. Wo ist der Bezug zwischen Dornbracht-Armaturen und den Thema Mobilität?

M.M.: Dornbracht versteht sich nicht nur als Hersteller für Küchenprodukte, sondern auch als Inspirationsgeber für den Lebensraum Küche. Wenn man den Ansatz dieser mobilen Straßenküchen aufgreift und professionalisiert, kann man sehr viel über Komplexität lernen. Vielleicht kultivieren sich daraus völlig neue, urbane Verhaltensweisen, etwa wenn man solche Units technologisch neu denkt. Oder ein ästhetischer Aspekt: die grelle Farbigkeit solcher Objekte z.B. im Kontext von Herdplatten – warum immer nur schwarze? Oder das Speisenangebot, das mit Edding auf Karten gekritzelt wird, warum nicht einen Touchscreen verwenden, im Sinne eines technologischen Updates. Um solche Überlegungen anzuregen, wollen wir in einem ersten Schritt diese Units in einem neutralen Ambiente präsentieren. Manche erinnern an Duchamps Ready-mades, andere an R2-D2, den kleinen Roboter aus der Star Wars Saga.

G.T: Mit „vernacular culture“ umschreibt man ja dieses amateurhafte Gestalten ohne Design-Anspruch in Form urbaner Interventionen. Diese Units haben dabei auch durchaus skulpturale Qualitäten, etwas von einer Assemblage. Eine Arbeit wie „Fahrrad eines Wohnsitzlosen“ des Künstlers Andreas Slominski kommt mir zum Beispiel in den Sinn.


M.M.: Genau. Dieser skulpturale Charakter, den die Straßenküchen in einer Ausstellungssituation erhalten, generiert solche Assoziationen – und eben eine neue Aufmerksamkeit, da der Betrachter das Prinzip der mobilen Unit, die Details und Funktionsweisen der sichtbaren Einzelelemente erst verstehen muss. Das macht es interessant. Die Dekontextualisierung erlaubt eine Betrachtungsweise unter verschiedenen Aspekten: Aus welchen Materialien ist eine solche Unit zusammengesetzt, welche Herkunft haben diese und wie kommunizieren sie. So wie „The Farm Project“ angefangen hat, dem ästhetischen Minimalismus in der Küche etwas entgegen zu setzen, wollen wir jetzt mit diesen Straßenskulpturen zu einem Design inspirieren, das narrativer ist. Was passiert, wenn man die Technik nach außen legt, sie sichtbar macht – wie zum Beispiel die Architektur des Centre Pompidou – und ein Objekt schafft, das eine Art Lebenssituation darstellt, einen Organismus auf engstem Raum? Die Küche als Ort der sozialen Dynamik und Transformation ist ein eben solcher Organismus. Die Miniaturisierung, das Zusammenführen von ganz unterschiedlichen Aspekten eröffnet einen neuen Zugang, ermöglicht das Denken von anderen Abläufen. Aus dieser Art Feldforschung erhoffe ich mir eine Entwicklung, die zu andersartigen Ausdrucksformen führt, einer Ästhetik, die Stilbrüche sucht.

G.T: Kommen wir zu der Ausstellung im Januar zurück. Wie wollen Sie die Straßenküchen präsentieren?

M.M.: Wir recherchieren seit über einem Jahr in verschiedenen Ländern wie beispielsweise Vietnam, Uganda, China, Sudan, Mexiko und Argentinien. Ich gehe von ungefähr 12 Objekten aus, die wir ausstellen werden. Mal sehen, was kommt – es ist nicht immer einfach, die Objekte aus den Ländern auszuführen. Aber die ersten Transportkisten werden bald hier eintreffen. Es werden wirklich seltsame Objekte dabei sein, wie der Hähnchen-Grill aus Terracotta, den wir in Vietnam entdeckt haben und der aussieht wie ein übergroßer Kochtopf. Ich möchte die Unikate eigentlich möglichst so, wie sie sind, ausstellen. Eine Geste der Authentizität, des Respekts gegenüber unserem globalen Dorf.