Dornbracht Edges 2010: Revolving Realities

Review von Gabriel Shalom, Medientheoretiker, Videomusiker und Künstler

Die Installation verlangt von uns eine aktive Teilhabe, indem wir ihre Bedeutung für den Betrachter selber herleiten und aufstellen: Warum sollte eine Badarmatur im Mittelpunkt einer solch blendenden multidimensionalen Inszenierung stehen? Lassen wir uns jedoch darauf ein, entdecken wir ein Modell für eine andere Wirklichkeit, in der die Armatur als Ausgangspunkt und Resonanzraum dem Beschwören von Gedanken dient. Die Installation: Das Netzwerk der leuchtenden Kabel beschreibt die Kanten einer Reihe von unsichtbaren, sich schneidenden Flächen. Wenn wir ruhig stehen und ein Auge schließen, ist unsere Tiefenwahrnehmung kurz aufgehoben. Was wir erfahren, sind flüchtige Momente einer scheinbaren Flachheit, da die Helligkeit der Kabel einheitlich erscheint und der Raum in spontane Geometrien fragmentiert wird. Sobald wir uns erneut bewegen, können wir uns am dynamischen Zusammenspiel der Kabel vergnügen, wie sie sich auffalten und zusammenziehen in Abhängigkeit des Ausgangspunktes im Innenhof der Factory von Meiré und Meiré. 

Der Vektor-Raum kann als Kraftfeld begriffen werden, das mit dem Objekt zusammenwirkt. Die Oberfläche des Objektes fluktuiert und schimmert in einem Lichtschema, das ihm ein simuliertes Innenleben erlaubt. Seine virtuellen Innereien sind gelegentlich offen gelegt; wir erleben das Objekt als einen simulierten 3D-Körper, der durch die unsichtbaren Flächen des Vektor-Raumes geschnitten wird. Die Reihe der audiovisuellen Vektoren definiert die unsichtbaren Flächen, die durch das Objekt schneiden und seine Energie verstärken, bis hin zu einem Orbit von synästhetischer Aktivität. Der Mehrkanal-Klang erfüllt den Hof und erzeugt ein volumetrisches Hörfeld. Die Schnüre aus elektroluminiszentem Kabel korrespondieren mit den Kanälen. Sie haben ein programmiertes Verhalten, das die komplexe Spielweise erlaubt, mit der sie auf Variationen im Klangspektrum eingehen.

Mit voranschreitender Zeit bemerken wir, dass dieser vollständig künstliche Raum eine Persönlichkeit hat obgleich eine, an dessen Erschaffung wir mitwirken. Sie scheint im Dialog mit sich selbst zu sein; oszillierend zwischen Zuständen von düsterer Einkehr, kindlicher Neugier und provokativen Grimassen. Wir erkennen das System als ein Modell für Bewusstsein; es vergnügt sich selbst und wir werden Zeuge seiner abstrakten Abläufe in Form greifbarer räumlicher Mutationen. Die Komplexität der Dramaturgie kommt einem implodierten Orchester mitsamt Ballett gleich; jedes Element zerlegt und verkörpert seine Rolle als Instrument und Tänzer. Was entsteht, ist ein Ensemble von Synapsen.

Während die Oberfläche des Objektes mittels digitaler Projektionsflächen-Angleichung geflutet und wieder verebbend erscheint, gestattet sie uns, sie als Folie zu verschiedenen Archetypen des digitalen Zeitalters zu lesen. In einem Augenblick ist es ein verlorenes Polygon aus einer esoterischen Videospiel-Landschaft; im nächsten Augenblick ist es ein mysteriöser Antrieb eines außerirdischen Raumschiffs, oder möglicherweise eine neuartige Art von Materie, die gleichzeitig kristallin und flüssig ist. Diese hyperkubistische Skulptur – mit der sich in der Zeit bewegenden Oberfläche bei paradoxerweise gleichbleibendem Volumen – ist ein fraktaler Keim für die Ausdrucksformen zukünftiger medialer Universen und unserer Rolle in ihnen. Wir können den Vektor- Raum frei durchqueren; kein besonderer Fluchtpunkt vorgezogen. Die Kabel und das Objekt transzendieren ihre weltliche Physis in einer erhabenen Metapher: eine Aktivität, die sowohl das digitale Ritual wie auch den analogen Prototypen eines noch nicht erfundenen digitalen Mediums beinhaltet. Erlauben wir unserer Vorstellungskraft eine Projektion in die Zukunft, so ruft unsere Begegnung mit dieser Installation ein aufkommendes Gefühl für das Holographische hervor.