Ein Ort der Mischungen, Gemenge, einer volleren Wirklichkeit

Alles steht bereit. ............. Die Dinge warten. Nur einen Moment noch und es kann beginnen. Noch ruht alles, ist Stillleben (großes Küchenstück), ein Bild, Bilder, aber schon jetzt lebhaft im Detail: Längst schwimmen die Fische in ihrem Bassin, im wasserblauen Licht, begleitet vom leisen Dauersurren einer Pumpe. Schon rühren sich die Kaninchen und Hühner in ihrem hölzernen Käfig und leben ihr Leben, wie die Lämmer, die Ferkel, die kommen und gehen im Gehege zwischen drinnen und draußen, winziges, erstes Geräusch raschelnden Strohs. Allerdings halten die Fasane und Enten still, sogar im Flug, festgehalten wie im richtigen Leben, fixiert und ausgestopft. Eifrig arbeitet längst schon ein kleines Wasserspiel, ein namenloser Brunnen. Aus dem kühl und präzise geformten Rohr, das aus der Marmorplatte eines kleinen Arbeitstisches emporsteigt, sprudelt ununterbrochen Wasser, strömt in eine wie zufällig dort abgestellte Porzellanschüssel. Und nie (wie in einem Traum) wird diese Schüssel voll, noch fließt sie über und doch fließt das Wasser die ganze Zeit, Hintergrundrauschen produzierend, wird ohne Ende strömen, überflüssig, im Überfluss. Noch ist nichts passiert. Noch hat alles seine Ordnung, die Stapel und Reihen der Flaschen, Kisten, Tüten und säuberlich gefaltet die Trockentücher, frisch und unbenutzt. Noch sind alle Töpfe, Messer blank, makellos auch der Herd, die Spüle, poliert die hoch aufragenden Metallbögen der Armaturen (sie überragen auch später, wenn der Küchenernstfall eintritt, sich mancherlei um sie herum türmt, verschmutzt, benutzt stapelt, das sortierte Durcheinander des Kochens abspielt, die gute Form, souverän und ein wenig stolz). Die Dinge warten (wie im Märchen scheinen sie sich anzubieten), als ginge es nur darum, sie zur Hand zu nehmen und mit ihnen zu hantieren, dies und das weiterzuverarbeiten, ein Kinderspiel. Alles ist bereit. Noch einen Moment. Gleich kann es beginnen.

Eine Scheune ist es nicht nur, aber auch keine großzügige Gartenlaube, weder allein ein neu erdachtes Land- und Küchenhaus, noch reiner Behelfsbau. Allerlei Moderne schon, gekreuzt mit der Erinnerung an eine Zeit, als Küche und Stall, Haus und Hof, Vorrat und Zubereitung unter einem Dach, fast in einem Raum konzentriert waren, als noch nichts ausgeschlossen war, alles sichtbar zusammengehörte. Eine mobile Einheit, leicht und beweglich, eher für gutes, besseres Wetter, die Luft, ein leichter Wind könnte hindurchstreichen, durch dieses Haus, das ins Haus gehört, das ein Dach über dem Dach empfohlen sein lässt. Eine mühelos improvisierte Notlösung ohne Not, als sei sie mit dem zufällig Vorhandenen und aus Resten errichtet worden, ein präzises Provisorium, vorläufig fertig, aber jederzeit zu verändern. Das vermeintlich schmucklose Gebäude, eine nüchterne Hülle, ist vor allem eine wohlerwogene Collage diverser Materialien, Farben, Durchlässigkeiten, Texturen, ein flächiges Bild: operationssaalgrüne Trockenbauelemente, Sperrholz, verschiedene Kunststoffe, geformt wie Wellblech (opak und halbtransparent), verhalten spiegelnde Metallplatten, Verbundstegplatten, Lochbleche (da und dort Kabel und Taue, Befestigungen wie geschwungene Linien, als bewegte Zeichnung vor farbigem, abwechslungsreichem Grund). Nichts als Platten, passgenau eingehängt ins einfache, strenge Metallgerüst, „The Farm Project“: Patchwork-Fachwerk und Plattenbau.

Früher als man denkt, und noch bevor man in den Innenraum gelangt, ist man doch schon angekommen, bereits in „The Farm Project“ unterwegs. Da ist, wer im Vorgarten (oder zumindest der Andeutung eines Gartens), im Vorhof, auf dem Weg zwischen Zitronenbäumen oder Bambusstauden durch das verstreute Stroh schreitet, sich dem verheißungsvoll illuminierten Gebäude nähert, angezogen vom Leuchten seiner durchlässigen Haushaut, dem regelmäßigen Lichtlinienmuster der Wände, also noch vor dem Betreten dieser auf einem schmalen, verhalten glimmenden Lichtsockel gelagerten Architektur. Spätestens aber beim Teilen des Vorhangs aus verschiedenen Schnüren und Ketten, Streifen (eine sorgfältige Spielerei aus kleinen hölzernen Kühen, Kugeln, Stäben, Würfeln, aus Metall, aus Stoff und manchem mehr); spätestens mit dem Schritt über die Schwelle wird jeder Besucher zugleich auch Gast, Betrachter und unmerklich Figur in einem Bild, einem lebenden, belebten Bild, wird Zuschauer und genauso Akteur auf einer Bühne, Teil des Geschehens.

Über allem, über den Köpfen unter der Decke, ein Lichterhimmel aus Glühlampenketten (Gartenfeste früher einmal oder Kirmes oder Zirkus), leichthändig verteilte, baumelnde Lichter; draußen begegnen wir ihnen wieder, dort vor den Sperrholzpanelen hängend, verbreiten sie eine angenehme Minimalfestlichkeit. Innen, unter dem Glühlampenfirmament, schwebt eine ausladende Wolke aus Gegenständen: Die Geräte (Schneebesen, Schöpfkellen, Töpfe und Pfannen, blankes Metall, alltäglicher Edelstahl und die feierliche Würde des Kupfers, Reiben und Abkühlgitter, was zur Hand sein muss, nackte Funktion) neben dem weichen Fell des Hasen, dem puderigen Schrumpel der Würste (Grau vermischt mit Rötlichem), den glatthäutigen, bleichen Käsekörpern. Diese ganze Melange hängt Stück für Stück an Haken, hängt, zum Himmel passend, an einer hier oben schwebenden, unter dem Dach fixierten Holzleiter. Ein wenig zur Seite gerückt, findet sich dort auch ein bejahrter Vogelbauer, elegantes Gehäuse, der könnte wieder Tiere aufnehmen, hüten, oder er soll zumindest auf den Gedanken, eine nicht artgerechte Haltungsidee, bringen: Singvögel wären dort richtig, ihr Pfeifen, ihr Zwitschern willkommen als anmutige Klanggirlande von dort oben für das Geschehen darunter.

Von der Decke aus gesehen wäre die hölzerne Leiter mit ihrem Behang eine Art schmaler, plastischer Rahmen aus Geräten, Tieren, eine Einfassung, durch die hindurch der Blick auf die Mitte der Küche fallen würde: den Herd, den Zubereitungstisch, die Spüle. Und dieser Blick von oben herab sieht auf die hölzerne Arbeitsplatte, ihre Flecken, Arbeitsspuren, das, was auf ihr jetzt gerade abgestellt, ausgestellt ist. Vorstellbar, dass dort ab und zu jemand, ein Kind, Kinder sitzen, mit den Beinen baumelnd. Zu sehen wäre als klare Komposition rechtwinkeliger Zonen, die Stahlspülen, der Herd, die marmorne Arbeitsfläche (auf der blanke Messer, ein Wetzstein liegen). Eine Anordnung ganz der Funktion, dem Arbeiten dort geschuldet. All dies wäre, von hier oben betrachtet, eingefasst von einer umlaufenden blitzenden Metallreling, an ihr aufgehängt, eine Abfolge wechselnder Muster, Spültücher, ein Müllsack. Von hier oben wäre selbstverständlich das Durcheinander, Gemenge der Dinge, der Abfälle, der Reste zu sehen, die dreckigen Töpfe und Pfannen, Halbfertiges, Zerschnittenes, oder es wäre schon in den aufsteigenden Dampf gehüllt, dabei würden sich die Stimmen unentwirrbar vermischen mit dem Brodeln und Zischen, Prasseln, dem Klopfen, Knacken, Brechen, dem Klacken der Messer beim Schneiden: zu hören wäre das Zischen in Pfannen, Wasserfließen, -tropfen, dann der leise Aufruhr kochenden Wassers, schließlich Blubbern und Brodeln, das Aneinanderstoßen der Töpfe, trockenes Porzellanklappern, Brechen, Knacken, Schlagen, Reiben und Schaben in einem Mörser, alle Küchenklänge, nicht immer schön, aber unvermeidbar, die gehören zu den Dingen, Zutaten, dem Hantieren mit ihnen. Dazu Düfte und Gerüche, wohin man auch schaut.

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Und diese Mitte ist eingefasst von Vorräten aus allen Himmelsrichtungen. Augenscheinlich alles in den richtigen Mengen, genug für alle, aber nicht mehr, für Verschwendung wird es nicht reichen, eine Form freundlicher vorausschauender Genauigkeit. Die Brote liegen dort schon, schöne Laiber, ein Vorrat und parat stehende Kuchen. Fertiges neben Unfertigem, Zutaten, aus denen kann, soll noch etwas werden, sie harren ihrer Verwendung, Verwandlung, sind noch Möglichkeit. Steigen voller Gemüse nach Marktlage, daneben Unbekanntes, fast Unbekanntes (Yamswurzel, Taro, Maniok); natürlich Nudeln, Getrocknetes. Ein Feld aus Tomaten, üppige Ochsenherzen, voluminös gerippte, ausgebuchtete Fruchtkörper, neben der Spüle ein gut bestücktes, kompaktes Kräuterbeet. Und dicht beim hölzernen Standkäfig, dem mit den Hühnern, ein Korb mit Eiern, zu denken als dankbar eifriges Erzeugnis dieser Tiere. Säcke mit Jasminreis und ein ganzes Regal voll mit Asiatischem, benachbart von Kisten französischen Weins. Über dem Herd Schinken, Würste und Käse, vielleicht aus Italien, vielleicht auch aus nördlicheren Gegenden.

Und was könnte aus den Hühnern, Hasen, den Fischen werden, in einer Küche, die nicht festgelegt ist, in der die Regionen, Kontinente aneinanderstoßen, sich Ost und West auf einem Teller finden. Wie in der Küche überhaupt dieses und jenes zubereitet, auf der „Farm“ alles Mögliche angebaut, gehalten werden kann, alles neben- und miteinander existiert, gedeiht.

„The Farm Project“ fürchtet sich vor nichts, hält sich nicht zurück, kennt keine Verbote und ist unabhängig von Küchenvorführungsüblichkeiten, dem, was sich dabei schickt und ziemt. Und da nichts ausgeschlossen ist, gelingt die Erfindung eines zuvor so nicht bekannten Ortes. Was dabei, dafür zusammenkommt (übereinander, durcheinander), lässt auf Freude an Karambolagen, Neigung zur Reibungswärme, Mischungsneugier und Zufallswertschätzung schließen. Alles, vieles findet hier seinen Platz, es könnte zumindest hier auftauchen (placet experiri – in China heißt es, das Einzige mit vier Beinen, das man nicht essen kann, ist der Tisch). Bis hin zum Verschmockten, Abseitigen, Süßen, Sentimentalen und Anekdotischen reicht die Phalanx der Dinge. (Und an ihnen mögen Küchengeschichten hängen, wohl zu jeder Biografie gehören sie: Die Erinnerungsfrühe hat nicht selten einen ihrer Hauptstützpunkte hier zwischen den Töpfen, bei den Speisen, da mit den Gerüchen,

Düften, dem Gestank, die Erinnerungen unentwirrbar verflochten sind, und Freude, die Lüste und auch der Ekel einen Anfang haben; die Küche, selten neutraler Boden, bleibt im Körper des Hauses ein zentrales Organ (Nahrung, Genuss, Gedächtnis)). Und keine Handbreit davon entfernt findet sich Nüchternes und Raues, anonym, zweckbetont und rabiat funktional: „The Farm Project“, ein (Selbst-)Versuch zur Erweiterung des Möglichen, Gelassenheitstraining.

Überall gedämpfte Farben, Helles vor allem, nichts Grelles, wenig Dunkles. Selbst das Rot der großen Kunststoffsiebe hoch oben im Regal hält sich zurück, ebenso das Orange der Lämmerstalleinfassung, des Ferkelgeheges. Unauffällig bleibt ein Tischbock in senfigem Gelb, selbst das klare Blau des Müllsacks, das Mattschwarz des gusseisernen Ofens (dunkel sind sonst nur einige Töpfe, Pfannen, eine Teekanne, einiges aus Eisen). Alles andere ist hell, augenfreundlich, zeigt die selbstverständlichen Farben der Dinge, Materialfarben. Die Palette der Brottöne und dieses warme Leuchten des Strohs, sonst Hölzer, Metalle blank und in mattem Weiß, überhaupt die vielfältigen Abschattungen und Brechungen von Weiß: Reis und Kunststoffe, Porzellan und Schädelknochen. Dazwischen versprengte Einzelheiten, kleines Farbleuchten im Gefieder einiger Vögel, das Rot von Tomaten oder von Tomaten auf Bildern auf Dosen. „The Farm Project“ ist bestimmt von der Präsenz und Unmittelbarkeit der Dinge und Lebewesen, vertraut ihnen, was immer es ist (unscheinbar, banal oder gerade nicht). Nichts wird einem dabei vom Leibe gehalten, alles steht unmittelbar vor Augen, Nase, Hand und Mund. Alles wird genommen wie es ist, in seiner pragmatischen Pracht, seiner alltäglichen Schönheit. Stück für Stück eingefügt in eine lockere, lockende Ordnung der Dinge, einleuchtend und praktisch nachvollziehbar als Arrangement, zum Gebrauch, Genuss bestimmt, also um bewegt, verändert, benutzt und verkocht zu werden (oder um sich dieses alles zumindest gründlich vorstellen zu können – und auch um gesehen zu werden, einfach der Schaulust dienlich, erfreulich zu sein), um ein- und überzugehen in Gerichte und Speisen, um ihre Zubereitung möglich zu machen, um verzehrt zu werden, zu verschwinden schließlich.

Ein vollständig unvollständiges Reich des Alles-Möglichen, Schauplatz für alle Zustände des Festen und Flüssigen, für Dämpfe und Schäume, für Siedendes, Kristallines, das Knackige, Krustige und das Weiche, Süße und Saure, das Bittere ... Ein Welt-Raum in der Welt und eine Welt für sich, die von der Welt handelt, indem sie die Welt zusammenholt. Die Elemente sind in Andeutungen versammelt: die Luft der Vögel, die Früchte der Erde, Feuer und Wasser sind nützlich, unentbehrlich als Herd und Spüle: Alles in allem eine Landschaft aus zahllosen Gegenständen, Einzelheiten (die 10000 Dinge, das war, das ist im Chinesischen ein Wort, ein Zeichen und bedeutet: die Welt). – Ein Raum der Überschneidungen, der Mischungen, ein Ort der (fast) alles zusammenbringt, (fast) alles ist, isst: realistische Idylle, Erinnerungshaushalt, Alltagshandwerkstatt, Labor und Lager, Weltschuppen, Schaufenster, artifizielles Gartenküchenbauernhaus, Vergnügungs- und Luststätte, Speicher für Dinge und Ungreifbares, Gast-, Vorrats- und Zauberhaus (vielleicht eine Grande Ménagerie), Schau-, Kunst- und Ausstellungsstück, Bühne und Bild, Präsentierteller und Spielplatz, Ort des Handgreiflichen, Realen. Ein Labyrinth aus Objekten, Zuständen, Zeichen, Möglichkeiten – mit jedem Blick, jedem Augenblick werden es mehr. Wer könnte sich satt sehen?

Hierher gehören auch Dreck und Lebensspuren, Reste und Relikte. Manches ist gezeichnet, mitgenommen vom Gebrauch, den Schleifspuren der Zeit. Sichtbar sind die Folgen von Abnutzung, Verkleckertem und Umstürzen. Patiniert von der Arbeit, dem Hantieren, den Säften, der Feuchtigkeit, die erhalten bleiben in Schrammen und Flecken, Scharten und Beulen. Das ganze Maschenwerk des Zufalls, ärgerlich hier, schön und erwünscht, zumindest hingenommen dort. Die Zeit zieht ein in die Dinge, ergreift immer weiter von ihnen Besitz, allmählich werden manche schöner und schöner (das Holz des Messergriffs), anderes vergeht, verbraucht sich (die Klinge des Messers, sehr langsam). Dieser Raum ist nicht immun gegen solche Zumutungen, er hebt sie auf. Darin liegt eine Gelassenheit, eine Großzügigkeit dieses Ortes, der vieles duldet, aufnimmt, akzeptiert und so einer Idee, dem Ideal der Unberührtheit, einer Praxis des Reinen (oder eher der angestrengten Reinhaltung), des Makellosen widerspricht, die dem Wesen, der Wirklichkeit der Küche fremd ist.

Ein Raum der Konzentration, ganz bei der Sache; hat nicht einmal ein richtiges Fenster, nur Ein- und Ausgänge, einen weiteren für die Tiere, eine Art Schleuse. Keine Maschinen, zumindest nicht sichtbar, bescheidene Ausstattung mitten in der Fülle der Dinge: Herd und Wasser, irgendwo wird ein Kühlschrank sein, dazu gibt es traditionelles Gerät in Hülle und Fülle, nicht elektrisch und also handbetrieben, mehr nicht. Offensichtlich findet sich nichts Ablenkendes, kein Radio, kein Fernseher, keine Zerstreuungsgeräte (allerdings: fast versteckt stehen weit unten in einem der Regale Lautsprecher, liegen diskret einige CDs). Selbst Bilder verbergen sich zunächst noch, sie sind eine Schmuggelware in diesem von Bildern gereinigten Bau (um den Dingen Platz zu machen, nicht abzulenken von der Plastizität des Wirklichen, um selbst ein begehbares Bild sein zu können). Aber es gibt sie doch, versteckt auf Etiketten (Tomaten, Kochende), dem Schirm einer von Geweihstangen getragenen Lampe, die die Geweihträger fidel in ihrem Habitat zeigen. Und vor allem auf dem üppig dekorierten, zeitlos altertümlichen Porzellan: Musterszenen versuchter Ländlichkeit, irgendwie englisch, Offset-Kupferstiche zeigen adrette Gefilde, Ersehntes, also Schlösser, Tiere, Parks, Wälder, passende Damen und Herren, beschützt von Blumenbordüren, Rankenwerk, alles in Blau, dezentem Rot oder sonorem Grün. Fehlt was? Was fehlt?

Es gibt hier keinen Tisch, keine Bank, so bleibt der Raum in Bewegung, Arbeitsraum, Tätigkeitsareal. Lediglich ein einzelner Armlehnstuhl findet sich, eher Hinweis als reales Sitzmöbel – wer hat dort gesessen? Saß dort überhaupt schon jemand? Ein behäbiges Gemütlichkeitszeichen in kühlem Silber, Grau, metallisch verfremdet, auf Distanz gebracht, der Geist eines Stuhles, nicht unbedingt Vertrauen erweckend, eine dringende Einladung Platz zu nehmen ist er nicht. Und ein Tisch (den es ebenfalls nicht gibt) wäre anderswo, draußen, zu suchen. Dort ist er nicht zu finden, lediglich ein paar Notcampingpicknickklappgeräte, das ist alles, und auch sie keine Aufforderung zum Verweilen. Allenfalls der eine oder andere Strohballen wäre eine Möglichkeit und so bleiben Tisch und Stühle noch auszudenken, ausgelagert in die Vorstellung.

Nichts wird weggelassen, nichts vorenthalten noch ausgeschlossen, nichts verborgen. (Gibt es eigentlich etwas Verschlossenes hier, eine Tür, hinter der etwas unsichtbar werden könnte? Natürlich lässt sich im Offensichtlichen, vor allem auch in der Vielfalt manches diskret, absichtsvoll unauffällig verstecken; nicht zu reden von all dem Übersehenen, Unbeachteten inmitten der Fülle des Sehbaren.) Irritierend, selbstverständlich ist der Tod gegenwärtig, der zur Küche gehört, nährend, seit je und überall. Schön und komisch und absehbar: Die Trophäen, die Beute, Hörner und Geweihe (Abwehrzauber, Drohung und Triumph), Totenköpfe sind sie genauso wie der metallene Spaßschädel zwischen dem Porzellan (versehen mit erwünschten Landschaften, dort könnten elegante Jäger unterwegs sein, fliehen Hirsche, fliegen Fasane auf...) Und andere Vögel stellen steif und dauerhaft ihre eigene Natur nach, ausgestopft zeigen sie sich in typischen Posen nach dem Leben, Wandschmuck auch sie. Oder sie hängen, prächtige, schöne Leichen zwischen blanken Töpfen und anderem Gerät, hängen ab, bis ihre Zeit kommt, oder sie tun zumindest so, als Küchenstilllebendarsteller (grazil wie in einem Gemälde Chardins, die Vögel mit noch einmal ausgefaltetem Flügel) neben Schinken und anderem Konservierten, Zustände des Fleisches, erfreuliche Vorräte, nature morte. Betrachter all dessen sind die Lebenden. Die Hühner, Kaninchen, die Schafe, Fische in ihren Käfigen, Ställen, dem Becken zwischen all den Vorräten, anderem Essbaren. Natürlich sind sie niedlich anzuschauen, freundlich gehalten repräsentieren sie wesentliche Formen menschlicher Nahrung, sind auf unsentimentale Weise absehbar vorgesehen.

Kühlen, Erhitzen, Vereisen, Aufschäumen, Auflösen, Auspressen, Pürieren, Dörren, in Dampf aufgehen lassen, Schmelzen, Versengen, Vermengen, Vermischen, fast nichts kann so bleiben wie es in die Küche kam. Die Küche ist Durchgang, Transformationsstation (vom Rohen zum Gekochten, Genießbaren), ein Ort, der sich verwandelt, weil hier Verwandlungen durchgeführt, vorgeführt werden (nichts anderes ist die Kocherei). Alles steht dafür an Ort und Stelle, ist bereit zum Einsatz, veränderungsbereit. Vieles mag seinen Platz haben, gleichwohl, manches verschwindet, wird verbraucht und der Reis ersetzt durch Couscous, durch Kartoffeln (und die liegen, lagen eben noch anderswo). Die Ordnung der Dinge löst sich beim Hantieren auf und ersteht in verwandelter, verwandter Form neu. Alles mag seinen Platz haben, der aber kann heute hier und morgen dort sein, wenn es sich beim Beiseitestellen ergibt oder weil sich Dinge, Farben, Materialien (wie von selbst) anziehen und sich neue Bilder, andere Konstellationen vom Zufall, einem Handgriff arrangiert ergeben: Das bewegte, gleichmäßig ungleichmäßige Fleckenmuster der Forellen im Aquarium und die ordentlichen Würfel und Streifen der Trockentücher, der kühle Glanz der Fischleiber und das warme Leuchten einer blanken, polierten Kupferschüssel (in ihrem Inneren sammeln, fangen sich vage, getönte Spiegelbilder aus der Um- gebung), die ist abgestellt vor dem Becken, für einen Moment (oder länger), steht noch auf dem Tuch und möglicherweise liegen dort gleich, statt ihrer, vom Waschen noch nasse Äpfel und bald ein trockenes, raukrustiges Brot. Währenddessen schwimmen und schwimmen die Fische mit der Ruhe und Gelassenheit einer alten Uhr. Solange gekocht wird, verändert sich der Raum en gros und en detail in einem fort, leeren sich Regale, füllen sich Flächen mit Zerschnittenem, Zutaten, Abfall, benutzten Schalen, Töpfen (erst voll, dann leer), Werkzeug, Überresten und leeren sich, wenn die Speisen gegessen, genossen werden und werden sich erneut füllen. Manches könnte anders sein, wird sich morgen, gleich verändert haben. So bleibt dies ein Ort, der täglich aufs Neue und von vorn unfertig wird. ........... Dafür ist alles bereit.

Jens-Peter Koerver


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