The source of archetype

„Wir waren ziemlich schnell ziemlich nah dran“, sagt Benedikt Sauerland, während er sich noch einmal die ersten Modelle des neuen Ritualbads ansieht. Sauerland ist Mitglied der Geschäftsführung bei Sieger Design, und leitete das Projekt ELEMENTAL SPA auf Seiten der Gestalter. Er muss selbst staunen, dass ein Präsentationsvormodell, das die Designer eher als Platzhalter sahen, um ihre grundlegende Entwurfsidee anschaulich zu machen, dem Endprodukt bereits sehr ähnlich sieht.
ELEMENTAL SPA ist ein höchst ungewöhnliches Projekt, keine Formfindungsaufgabe im üblichen Sinne. Im Mittelpunkt des Designprozesses stand die Frage: Wie kann ich die Konzeptansätze in einem Produkt umsetzen? „Man wird mit dem Wasser im häuslichen Raum freier umgehen“, ist sich Sauerland sicher. Der Begriff Ritualbad meint aus seiner Sicht das „bewusste, fast kultische Wahrnehmen des Wassers“. Das Produkt wird dabei zum Impulsgeber für den Menschen, „sich seinem Handeln bewusster zuzuwenden.“ Wie aber entsteht aus ersten Ideen eine neuartige Form, ein neues Produkt?
„Von Dornbracht bekommen wir nicht das klassische Briefing, das der Auftraggeber vorgedacht hat und das wir dann Punkt für Punkt abarbeiten“, erzählt Sauerland. Am Anfang eines neuen Produkts stehen meist Workshops, Meetings, Diskussionen. Die lange gewachsene Partnerschaft zwischen Hersteller und Designer reicht bis ins Jahr 1983 zurück, beide Seiten entwickelten eine intensive Form der Zusammenarbeit. „In relativ großer Runde überlegen wir, welches Thema als nächstes auf der Agenda steht. Da wird diskutiert, zusammengefasst, verdichtet.“ Ergebnis ist ein Konzeptpapier, mit dem das Thema eingekreist wird, „das wir aufgreifen und bespielen wollen“. Benedikt Sauerland spricht von der „Darreichung des Elementes Wasser“, die bereits bei der Armaturenserie MEM und den BALANCE MODULES wie RAIN SKY und WATER FALL eine Rolle spielte. Wasser sollte entschleunigt werden, es sollte entspannt fließen, so viel war bereits zu Anfang klar. „Waterspaces“ nennen die Designer ihren ersten komplexeren Konzeptansatz. Wie bei Projekten zuvor, stand die veränderte Nutzung des Bades im Fokus. Ziel war es, den möglichst unmittelbaren Zugang zum Wasser und den dem Wasser innewohnenden Kräften und Energien deutlich zu machen. Die Armatur sollte im Kontext stärkere Autonomie erlangen, nicht mehr nur ein Objekt sein, das ganz zum Schluss in ein durchgeplantes Bad eingefügt wird. „Sie ist das Wasser spendende Element“, sagt Benedikt Sauerland. Gleichzeitig aber sollte sie als gestaltetes Objekt zurücktreten. „Es ist, als würde man eine Quelle suchen und Pflöcke in den Boden treiben“, konkretisiert der Designer die Ursprungsidee von ELEMENTAL SPA. Zur Veranschaulichung nutzte Sieger Design ein Bild vom Innenhof des Barcelona Pavillons von Mies van der Rohe, in dem sie mit roten Punkten Stellen markierten, an denen Wasser austritt oder austreten könnte. Verortung und Entmaterialisierung, beiden Ansprüchen wollte das Projekt gerecht werden. Das Bild der Quelle entstand. „Der Mensch braucht nicht die Armatur, sondern den Zugang zum Wasser“, stellt Benedikt Sauerland klar. Folglich sollten Bedienung und Nutzung in einem Zuge geschehen können. Daher befindet sich der Bedienhebel idealerweise direkt unter der Armatur. Die gewohnte formale Erscheinung der Armatur wurde aufgelöst. Zwei Elemente, prägen ELEMENTAL SPA, der verchromte eigentliche Wasserspender, von den Designern Mundstück genannt, und ein monolithischer, sehr neutral gehaltener Körper aus weißem Corian. Zusammen bilden sie ein äußerst stimmiges skulpturales Gefüge. „Die formale Umsetzung, die starke Minimalisierung“, ergänzt Michael Sieger, „kann man auch als emotionales Moment sehen“. Seit 1988 residiert Sieger Design im Barockschloss Harkotten zwischen Münster und Osnabrück. In den ebenerdigen Gewölben darunter ist eine eigene flexible Werkstatt eingerichtet. Der Wechsel von der Konzept-, zur Modellbau- und Erprobungsphase ist auf Harkotten zugleich ein Etagenwechsel. „Sehr schnell können wir von ersten Zeichnungen zum Modell gelangen“, sagt Designer Sauerland. Die Vormodelle werden aus Schäumen gefertigt, die sich spannend bearbeiten lassen. Mit Lacken und Chromfolien wird die spätere Oberfläche simuliert.
Das Wasser – und das erwies sich als größte Herausforderung des Projektes – sollte als laminarer, unverwirbelter Strahl aus dem Mundstück austreten. Vorgesehenwar „eine gewisse Ästhetisierung, des Wasserbildes“, so Sauerland. Möglichst lange sollte es parallel, wie ein Film in Richtung Boden fließen. Die Designer gaben dem Mundstück eine kristalline, kantige Form. Es zeigte sich rasch, dass es zwischen Wand und Armatur Platz für einen entspannten Wasserfluss geben muss, um am Mundstück das gewünschte Strahlbild entstehen zu las- sen. Damit allein war es nicht getan. Denn so leicht lässt sich die Physik nicht überlisten. Die ballistische Kurve des Wassers verläuft wie eine Parabel. Der Wasserstrahl hat die Tendenz, in Richtung der Wand zurückzulaufen. Und damit nicht genug: Er fällt relativ schnell zusammen und verdreht sich dabei. Bald wurde klar, dass hier nicht nur eine plausible äußere Form zu entwickeln war. Wer Wasser gestalten will, bekommt es mit einer elementaren Kraft zu tun. Die Aufmerksamkeit der Designer richtete sich auf die innere Kontur des Mundstücks. In der Werkstatt von Sieger Design fertigte Modellbauer Rauch eine Vielzahl von Varianten. Hier auf Harkotten wie auch bei Dornbracht erprobten Designer und Techniker die Modelle unter realistischen Bedingungen. Auch der Druck und das Volumen des Wassers wurden in den Versuchsreihen berücksichtigt. Die ersten Prototypen allerdings hatten raue und unsaubere Innenkonturen und entsprachen nicht dem strengen Anforderungsprofil von Hersteller und Designern. „Wir waren fast schon der Meinung, das müssen wir abbrechen.“ Um das Problem zu lösen, investierte Dornbracht in ein neues Fertigungsverfahren, das auch die Innenbearbeitung umfasst. Zwischen Projektbeginn und der Erstpräsentation von ELEMENTAL SPA auf der ISH in Frankfurt vergehen fast zwei Jahre. Zwischen Technikern und Designern wird hart verhandelt: „Geht nicht hier noch ein Millimeter?“, lautet ein typischer Satz, mit dem beide versuchen, sich dem Optimum zu nähern. „Die Fertigung mag einen größeren Radius. Wir eher einen kleineren“, erzählt Sauerland. Abgesehen von technischen Fragen, gilt es zusammen mit dem Dornbracht Marketing, die richtigen Varianten aus der Fülle der Möglichkeiten zu destillieren. Sieger Design entwickelt eine Reihe von Szenarios zur Verwendung des Produktes. Auch Folgeentwicklungen zum Thema Qualität des Wassers sind in der Entwurfsarbeit bereits skizziert. Überlegungen zur Nachhaltigkeit und zur Qualität des Wassers spielen dabei eine Rolle. Während das Messepublikum die Neuheiten bestaunt, sind Designer und Hersteller längst schon wieder dabei, ihre Ideen weiter zu entwickeln, Produkte zu ergänzen und neue, scheinbar unlösbare Herausforderungen zu suchen.